


"A Roll of Marble“ ist ein Beitrag zur Tallinn Architecture Biennale 2026.
»Dann beobachteten sie die Behausungen der anderen, fügten durch eigenes Nachdenken Neuerungen hinzu und schufen so von Tag zu Tag bessere Arten von Hütten. Da aber die Menschen von Natur zur Nachahmung geneigt und gelehrig waren, zeigten sie, stolz auf ihre Erfindungen, täglich der eine dem anderen, wie sie ihre Bauten durchführten. So übten sie im Wetteifer ihrer Erfindungskraft und wurden von Tag zu Tag zu Menschen mit besserem Urteil.«
— Vitruv, De architectura
Das Auge glaubt, die Hand zweifelt, das Versprechen einer Oberfläche löst sich auf. Marmor ist nicht hart und kühl, sondern weich und körperwarm. Die Oberfläche gibt nach. Das Versprechen der Permanenz zerfällt in dem Moment, in dem man es berührt.
Es ist kein Unfall der Gegenwart: Stuck, Scagliola, Furnier, Tapete, industrielle Laminate und bedruckte Fliesen zeigen, dass Architektur seit jeher mit Täuschung arbeitet. Vitruv beschreibt den Ursprung der Architektur als Akt der Nachahmung und des Weiterdenkens, der in Beobachtung, Imitation und Überbietung gründet.
Gottfried Semper nannte diesen Prozess Stoffwechsel: Ein Material nimmt Form, Oberfläche und kulturellen Ausdruck eines anderen an, ohne dessen Substanz zu besitzen. Das Marmordekor zitiert den Steinbau, der Stuck antizipiert und ersetzt ihn. Marmor kann gerollt, gedruckt, geklebt, gebogen und auf andere Stoffe übertragen werden. Er wird zur Oberfläche ohne Stein, zur Atmosphäre ohne Masse, zur Wertbehauptung ohne Körper, die das Versprechen von Jahrtausenden trägt.
Die zeitgenössische Baupraxis hat diese Logik der Oberfläche radikalisiert. Wert wird nicht mehr hergestellt, er wird aufgetragen. Was darunter liegt, bleibt verborgen. Gebäude sind Medien kultureller Repräsentation geworden, deren Konstruktion sich vollständig hinter ihrer Bildlichkeit versteckt.
Die Urhütte behauptete das Gegenteil: eine elementare Übereinstimmung von Konstruktion, Material und Bedeutung, Architektur als tektonisches System, in dem Tragen und Umhüllen, Konstruktion und Ausdruck eine Einheit bilden. Heute wird die Urhütte neu eingekleidet, nicht tektonisch, sondern thermisch. Vitruv beschreibt Menschen, die voneinander lernen, täglich besser urteilen, im Wetteifer ihrer Erfindungskraft Neues schaffen. Was wir erfunden haben, ist eine Architektur, die aussieht wie Stein und sich anfühlt wie Schaum.
I am not convinced.
Status
completed
Year
2026
Location
Tallinn, EE
TYPE
commission
category
exhibition
client
Tallinn Architecture Biennale 2026
Team
Natascha Peinsipp, Emma Petersen, Simon Ruof, Maura Schmitt, Felix Steinhoff
photo credits
Rene Suurkaev
Links
2026.tab.ee










TAB Tallinn Architecture Biennale 2026
"A Roll of Marble“ ist ein Beitrag zur Tallinn Architecture Biennale 2026.
»Dann beobachteten sie die Behausungen der anderen, fügten durch eigenes Nachdenken Neuerungen hinzu und schufen so von Tag zu Tag bessere Arten von Hütten. Da aber die Menschen von Natur zur Nachahmung geneigt und gelehrig waren, zeigten sie, stolz auf ihre Erfindungen, täglich der eine dem anderen, wie sie ihre Bauten durchführten. So übten sie im Wetteifer ihrer Erfindungskraft und wurden von Tag zu Tag zu Menschen mit besserem Urteil.«
— Vitruv, De architectura
Das Auge glaubt, die Hand zweifelt, das Versprechen einer Oberfläche löst sich auf. Marmor ist nicht hart und kühl, sondern weich und körperwarm. Die Oberfläche gibt nach. Das Versprechen der Permanenz zerfällt in dem Moment, in dem man es berührt.
Es ist kein Unfall der Gegenwart: Stuck, Scagliola, Furnier, Tapete, industrielle Laminate und bedruckte Fliesen zeigen, dass Architektur seit jeher mit Täuschung arbeitet. Vitruv beschreibt den Ursprung der Architektur als Akt der Nachahmung und des Weiterdenkens, der in Beobachtung, Imitation und Überbietung gründet.
Gottfried Semper nannte diesen Prozess Stoffwechsel: Ein Material nimmt Form, Oberfläche und kulturellen Ausdruck eines anderen an, ohne dessen Substanz zu besitzen. Das Marmordekor zitiert den Steinbau, der Stuck antizipiert und ersetzt ihn. Marmor kann gerollt, gedruckt, geklebt, gebogen und auf andere Stoffe übertragen werden. Er wird zur Oberfläche ohne Stein, zur Atmosphäre ohne Masse, zur Wertbehauptung ohne Körper, die das Versprechen von Jahrtausenden trägt.
Die zeitgenössische Baupraxis hat diese Logik der Oberfläche radikalisiert. Wert wird nicht mehr hergestellt, er wird aufgetragen. Was darunter liegt, bleibt verborgen. Gebäude sind Medien kultureller Repräsentation geworden, deren Konstruktion sich vollständig hinter ihrer Bildlichkeit versteckt.
Die Urhütte behauptete das Gegenteil: eine elementare Übereinstimmung von Konstruktion, Material und Bedeutung, Architektur als tektonisches System, in dem Tragen und Umhüllen, Konstruktion und Ausdruck eine Einheit bilden. Heute wird die Urhütte neu eingekleidet, nicht tektonisch, sondern thermisch. Vitruv beschreibt Menschen, die voneinander lernen, täglich besser urteilen, im Wetteifer ihrer Erfindungskraft Neues schaffen. Was wir erfunden haben, ist eine Architektur, die aussieht wie Stein und sich anfühlt wie Schaum.
I am not convinced.
Status
completed
Year
2026
Location
Tallinn, EE
TYPE
commission
category
exhibition
client
Tallinn Architecture Biennale 2026
Team
Natascha Peinsipp, Emma Petersen, Simon Ruof, Maura Schmitt, Felix Steinhoff
photo credits
Rene Suurkaev
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Kollektiv
Für Architektur
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A - 1020 Wien
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